Jochim Lichtenberger – „Blütenmeere“
geb. 1948, wohnt nahe der OstseeAusbildung: Diplom in theoretischer Physik, Promotion in Psychologie
Berufl. Tätigkeiten: Professionelle Sach- und Naturfotografie, Lehre, Ausbildung und Fortbildung in Physik, Produktion von Erklärfilmen, Autor und Herausgeber von Physik-Schulbüchern.
Die fotografischen Arbeiten der letzten Jahre sind angesiedelt im Spannungsfeld zwischen Ästhetik, Wissenschaft und Kunst.
Ich arbeite in zwei Gebieten: der minimalistischen Naturfotografie und der Fotografie floraler Kompositionen. In dieser Ausstellung zeige ich Arbeiten aus dem letzteren Bereich. Die präsentierten Fotos sind mit einem Photoscanner entstanden. Ich habe verwelkte Blüten auf einem Scanner positioniert, arrangiert, verschoben… bis eine stimmige Komposition entstand. Beeinflusst sind die Arbeiten insbesondere von barocken Stillleben mit ihrer Pracht und der Vanitas-Problematik. Mehr als um Farben und Formen geht es mir dabei um die Gefühle, die diese Bilder hervorrufen.
Trauer und Freude, Verzweiflung, Hoffnung, Sehnsucht, meditative Ruhe oder das Leben als Tanz – wie sieht die visuelle Grammatik dieser Gefühle aus?
Weitere Fotos und Näheres dazu (Hintergründe, Ausstellungen, Kauf) finden Sie auf meiner website
www.naturphaenomene.com
Die Bilder dieser Serie oszillieren zwischen Dunkelheit und Pracht, zwischen Geheimnis und Schönheit. Sie verdanken ihre Wirkung dem barocken Gestaltungsmittel des Chiaroscuro, dem Spiel mit Licht und Dunkelheit, das der Steigerung des Räum¬lichen und des Ausdrucks dient. Ein weiteres der barocken Stilllebenmalerei entlehntes Stilelement ist die Verwendung von Zeichen der Vergänglichkeit wie verwelkter Blumen oder Schne¬ckenhäuser als Ausdruck des „Memento mori“.
Im Rausch der Farbe
Dieses Kapitel versammelt Scanografien, die durch hohe Farbsättigung und dichte Überlagerungen geprägt sind. Ich habe Glasplatten als natürliche Filter verwendet, die im Garten der Witterung ausgesetzt waren und sich zum Teil mit einem grünen oder braunen Belag aus Algen oder Schmutz überzogen hatten. Diese Platten habe ich auf den Scanner gelegt und darauf Blumen oder Blumenfragmente positioniert und verschoben, bis eine stimmige Komposition entstand.
Die Blumen erscheinen hier weniger als botanische Motive denn als Träger von Farbe, Struktur und Licht. Im Prozess des Scannens lösen sich Formen auf und gehen mit den organischen Strukturen auf der Glasplatte neue, malerische Verbindungen ein. Die Arbeiten greifen Assoziationen von Sommer, Wärme, Fülle und Leichtigkeit auf.
Pictures for a Sad Song
Die Serie „Pictures for a Sad Song“ entstand aus Fundstücken, die im Treibsaum am Strand gesammelt wurden – dort, wo das Meer seine Spuren hinterlässt. Die gezeigten Pflanzen, Algen, Muscheln und anderen organischen Reste sind Zeichen natürlicher Vergänglichkeit, von Wasser, Salz und Zeit geformt. Viele der Blumen stammen aus Seebestattungen. Sie wurden von Trauergästen dem Meer überlassen und später von den Wellen zurück an den Strand getragen – stille Zeugnisse persönlicher Abschiede.
Inspiriert wurde die Serie durch barocke Stillleben und deren Vanitas-Thematik. Wie in den Werken jener Zeit geht es auch hier nicht um das Festhalten von Schönheit, son¬dern um die visuelle Auseinandersetzung mit dem Vergehen, mit dem Übergang, mit dem, was bleibt.
Die fotografische Umsetzung erfolgte mittels Scanografie. Die Bildkompositionen ent¬standen nicht zufällig, sondern wurden bewusst gestaltet: Die auf dem Scanner arran¬gierten Elemente – Blüten, Seegraswurzeln, Muscheln – wurden verschoben, ergänzt oder reduziert, bis eine in sich stimmige Ordnung erreicht war. Dieser konzentrierte Arbeitsprozess ähnelt in seiner Offenheit und gestalterischen Frei¬heit eher der Malerei als der klassischen Fotografie.
Tiefe erhalten die Aufnahmen durch das tiefschwarze Bildfeld, in dem Sandkörner wie Sterne im Universum aufleuchten. Die schwarze Bildfläche, die an Trauer und Leere erinnert, wird zugleich von leuchtenden Farben durchbrochen: den warmen Tönen verwelkter Blüten oder dem Schimmer von Algen. Diese Farbigkeit wirkt wie ein Gegenakzent – sie eröffnet inmitten der Schwermut Momente von Trost, Wärme und Hoffnung.